Hallux valgus: Wenn die Schuhe drücken

Veröffentlicht von: Onmeda-Redaktion

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Der Hallux valgus, auch Ballenzeh genannt, ist die häufigste Zehenfehlstellung des Menschen. Frauen sind deutlich öfter betroffen als Männer. Allerdings sind Zehenfehlstellungen nur in der westlichen Zivilisation stark verbreitet.

Was ist ein Hallux valgus?

Der Hallux valgus ist eine Fehlstellung der großen Zehe, die wie folgt gekennzeichnet ist:

  • Die Großzehe ist im Grundgelenk aus ihrer normalen Achse seitlich nach außen abgewinkelt (lat. valgus = schief).
  • Gleichzeitig ist die Zehe nach innen gedreht (Innenrotation).

Beim Hallux valgus zeigt also die Spitze der Großzehe zu den Nachbarzehen. Infolge dieser Fehlstellung ist der Mittelfußknochen, der die Großzehe trägt (der 1. Metatarsalknochen), zur Körpermitte hin abgespreizt. Dadurch drückt der Kopf des Mittelfußknochens deutlich sichtbar von innen gegen die Haut, sodass der auf Höhe des Großzehengrundgelenks liegende Großzehenballen verdickt ist.

Dieser verdickte Zehenballen ist der Grund dafür, dass man den Hallux valgus auch als Ballenzeh bezeichnet.

Hallux valgus: Mögliche Ursachen

Ein Hallux valgus kann verschiedene Ursachen haben. Die Abweichung der Großzehe von ihrer Normalstellung kann zum Beispiel:

Als wichtigster Risikofaktor für die Entstehung des Hallux valgus gilt jedoch jahrelanges Tragen zu enger Schuhe – vor allem mit hohem Absatz. Das kommt so:

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Unbehandelt verschlimmert sich die Zehenfehlstellung beim Hallux valgus meist immer mehr. Im fortgeschrittenen Stadium kann sich der große Zeh sogar über oder unter die benachbarten Zehen schieben.

Dabei ist nicht auszuschließen, dass erbliche Faktoren den Hallux valgus mit verursachen: Bei mehr als der Hälfte aller betroffenen Menschen finden sich weitere Familienangehörige mit derselben Zehenfehlstellung. Dies lässt auf eine gewisse Veranlagung schließen, einen Ballenzeh zu entwickeln.

Meistens entwickelt sich der Hallux valgus in Verbindung mit einem Spreizfuß. Beide Fußformänderungen beeinflussen sich gegenseitig negativ.

Häufigkeit

Weltweit haben bis zu 23 Prozent der 18- bis 65-Jährigen einen Hallux valgus – und bei über 65-Jährigen sind es sogar bis zu 35 Prozent. Betroffen sind überwiegend Menschen in der westlichen Zivilisation, die über lange Zeit enges und geschlossenes Schuhwerk getragen haben.

Dagegen kommt der Hallux valgus in Ländern und Kulturkreisen, in denen die Menschen keine oder offene Schuhe (z.B. Sandalen) tragen, seltener vor.

Hallux valgus: Typische Symptome

Der Hallux valgus ist durch folgende Symptome einer Zehendeformität gekennzeichnet:

Beim Hallux valgus sieht es so aus, als hätte sich am Mittelfußknochen ein echter Knochenauswuchs (sog. Exostose) gebildet. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Symptom um eine sogenannte Pseudoexostose (griech. pseudo = falsch).

Neben dem abweichenden Erscheinungsbild des Fußes verursacht der Hallux valgus oft keine weiteren Symptome – die Zehenfehlstellung ist also häufig rein kosmetischer Natur.

Wenn ein Hallux valgus doch Beschwerden verursacht, beginnen sie in der Regel mit Schmerzen an der Basis der Großzehe, wo sich die Pseudoexostose befindet: An dieser Stelle ist der Fuß am breitesten, dementsprechend drücken Schuhe hier am stärksten. Die Haut und der darunter liegende Schleimbeutel sind entsprechend mechanisch gereizt. Es können Entzündungen, Schwellungen, nicht durch Bakterien hervorgerufene und sogar bakterielle Schleimbeutelentzündungen entstehen. Unbehandelt kann sich mit der Zeit ein chronisch wiederkehrender schmerzhafter Zustand entwickeln.

Auch das Zehengrundgelenk bleibt bei einem Hallux valgus nicht unbeteiligt: Es kann aufgrund der Schiefstellung anfangen zu schmerzen, verliert seine Beweglichkeit und verschleißt zunehmend. So kann sich ein schwerwiegender Gelenkverschleiß (sog. Arthrose) des Zehengrundgelenks ausbilden. Die Symptome verschlechtern sich im weiteren Verlauf. Schmerzen und Entzündungen bleiben bestehen und die Großzehe kann sehr stark von der Grundstellung nach innen abweichen, wobei sie sich in extremen Fällen über oder unter die zweite und dritte Zehe legt.

Hallux valgus: Diagnose

Bei einem Hallux valgus erfolgt die Diagnose im Allgemeinen anhand der Beschwerden und einer Untersuchung des Fußes: An der Basis der Großzehe – also am Zehenballen – ist das hervorspringende Köpfchen des ersten Mittelfußknochens an der Innenseite deutlich zu sehen (sog. Pseudoexostose).

An dieser Stelle ist der Fuß am breitesten, sodass hier Schuhe am stärksten drücken. Dies erklärt die Druckbeschwerden bei Hallux valgus. Die Haut über diesem Bereich erscheint gereizt, gerötet und entzündlich verändert.

Um die für den Hallux valgus typische Fehlstellung der betroffenen Fußknochen genau zu untersuchen, kann eine Röntgenuntersuchung zum Einsatz kommen. Es ist ratsam, die Röntgenaufnahme im Stehen anzufertigen. Wenn gleichzeitig ein Spreizfuß vorliegt (was oft der Fall ist), ist dieser im Röntgenbild deutlich zu erkennen. Zusätzlich fällt hier im fortgeschrittenen Zustand eine Großzehengrundgelenksarthrose auf.

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Röntgenbild von Füßen mit Hallux valgus

Hallux valgus: Therapie

Bei einem Hallux valgus zielt die Therapie darauf ab,

Konservative (d.h. nicht-operative) Maßnahmen können nur im Frühstadium bei leichten Fällen verhindern, dass sich die Zehenfehlstellung verschlechtert. Um einen Hallux valgus zu heilen, ist in der Regel eine Operation nötig.

Konservative Therapie

Bei einem leicht ausgeprägten Hallux valgus reicht womöglich eine konservative – also nicht-operative – Therapie aus. Die Behandlung besteht dann vor allem darin, für eine Druckentlastung des Fußes – besonders des Großzehenballens – zu sorgen. Dies bedeutet: Laufen Sie öfter barfuß, tragen Sie offene oder geweitete Schuhe und legen Sie ringförmige Schaumstoffpolster in Ihre Schuhe ein. Mit speziellen Einlagen können Sie Ihren Fuß weiter stabilisieren.

Daneben bieten sich Krankengymnastik und Fußgymnastik an, um einen leichten Hallux valgus zu behandeln: Diese physikalischen Maßnahmen können mit dafür sorgen, dass sich die Fehlstellung nicht verschlimmert. Die Fußgymnastik können Sie sogar alleine ausführen.

Wenn sich im fortgeschritteneren Stadium des Hallux valgus an der Stelle, an der das Köpfchen des Mittelfußknochens hervorspringt (Pseudoexostose), die Haut verändert und entzündet, sind örtliche entzündungshemmende Maßnahmen hilfreich: Hierzu stehen feuchte Umschläge mit ethacridinhaltigen Salben oder Salbenverbände (Diclofenac) zur Verfügung. Geht der Ballenzeh mit schweren Entzündungen einher, die nicht durch Bakterien entstanden sind, kommen zur Behandlung gelegentlich auch Kortisonspritzen zum Einsatz.

Hallux-valgus-OP

Bei einem ausgeprägten Hallux valgus ist eine Korrektur ohne OP nicht möglich – nur eine Operation kann die Zehenfehlstellung beheben. Allerdings ist es wichtig, die Entscheidung für die Hallux-valgus-OP vorsichtig zu treffen und genau zu überprüfen – vor allem bei Jugendlichen.

Fußchirurgie ist grundsätzlich nur ratsam, wenn der Hallux valgus Beschwerden bereitet. Den Ballenzeh aus rein kosmetischen Gründen zu operieren ist nicht empfehlenswert, denn: Eine Operation am Fuß ist keinesfalls eine Kleinigkeit – im Extremfall kann danach die Statik des Fußes und somit die gesamte Lebensqualität stark beeinträchtigt sein.

Beim Hallux valgus kommt eine OP vor allem dann infrage, wenn beispielsweise ein hoher Leidensdruck, eine verminderte Lebensqualität, große Probleme beim Schuhetragen und Funktionseinschränkungen bestehen oder durch die fortschreitende Großzehenfehlstellung gar eine Fehlstellung der Kleinzehen zu erwarten ist.

Zur Hallux-valgus-OP stehen unzählige verschiedene Operationsmethoden zur Verfügung, die sich zum Teil nur geringfügig unterscheiden. Der Hauptunterschied zwischen den einzelnen Methoden besteht darin,

Die Wahl der Methode hängt also zum einen von Ihrem Alter und Ihren Beschwerden, zum anderen von der Erfahrung des Operateurs ab. Ein Operateur muss etwa vier Verfahren beherrschen, um alle Varianten des Hallux valgus behandeln zu können.

OP nach Chevron

Bei einem milde ausgeprägten Hallux valgus kommt eine OP nach Chevron (bzw. Chevron-Osteotomie) infrage, wenn Sie die Fehlstellung noch selbst passiv ausgleichen können und wenn im Röntgenbild keine Arthrose im großen Zeh zu sehen ist. Milde bis mäßig ausgeprägte Ballenzehen kommen hauptsächlich bei jüngeren Menschen vor.

Die Hallux-valgus-OP nach Chevron besteht darin, den Kopf des 1. Metatarsalknochens zu durchtrennen und ein Stück seitwärts zu verschieben, um die Achsenabweichung zu korrigieren. Zusätzlich meißelt der Operateur den Knochenvorsprung ab und strafft die Kapsel so, dass die große Zehe richtig steht. Damit der Zeh in der korrigierten Stellung bleibt, wird er mit kleinen Implantaten (Schrauben oder Draht) fixiert. Anschließend muss man sechs Wochen lang einen Verband tragen, der den Zeh in der achsengerechten Position hält. Der Verband ist täglich zu wechseln.

OP nach Keller-Brandes

Bei einem schweren Hallux valgus kann eine OP nach Keller-Brandes erfolgen – vorausgesetzt, Sie sind schon älter, wenig aktiv und haben eine hochgradige Großzehenfehlstellung mit fortgeschrittener Arthrose im Zehengrundgelenk.

Bei der Hallux-valgus-OP nach Keller-Brandes trägt der Operateur zwei Drittel des Grundgelenks der Großzehe ab und meißelt den Knochenvorsprung an der inneren Seite des Mittelfußknochens ab. Ein Nachteil dieser Behandlung besteht darin, dass die vorgenommene Zehenverkürzung kosmetisch häufig störend wirkt, weil die zweite Zehe die Großzehe überragt.

Nachbehandlung

An jede Hallux-valgus-OP schließt sich eine Nachbehandlung an: Diese besteht darin, den betroffenen Fuß in den ersten beiden Wochen nach dem Eingriff möglichst viel hochzulegen und örtlich mit Eis zu kühlen; daneben kommen entzündungshemmende Maßnahmen sowie eine Thromboseprophylaxe zum Einsatz.

Außerdem ist es ratsam, nach der Hallux-valgus-OP eine Schiene (Nachtschiene) drei Monate lang regelmäßig zu tragen.

Schon in den ersten sechs Wochen nach der Hallux-valgus-OP ist es gestattet, den operierten Fuß voll zu belasten, wenn man in der Zeit einen speziellen Verbandsschuh trägt: Das ist eine Art Halbschuh mit flacher und steifer Sohle. Nach 8 bis 12 Wochen ist die Gehfähigkeit in der Regel völlig wiederhergestellt.

Hallux valgus: Verlauf

Bleibt ein Hallux valgus unbehandelt, nimmt er in der Regel einen fortschreitenden Verlauf: Die Fehlstellung der Großzehe verstärkt sich in den meisten Fällen mehr und mehr. Jedoch ist dies nicht zwangsläufig mit Schmerzen oder starkem Leidensdruck verbunden: Der weit verbreitete Ballenzeh ist oft rein kosmetischer Natur.

Bereitet der Hallux valgus doch hartnäckige Probleme, kann eine OP weiterhelfen. Die geeignete Operationsmethode kann dann für eine gute Langzeitprognose sorgen: Die meisten Betroffenen sind auch Jahre nach der Behandlung mit dem Ergebnis zufrieden. Nach dem operativen Eingriff ist jedoch mit einer längeren Arbeits- und Sportunfähigkeit zu rechnen. Wenn das gewählte Operationsverfahren Knochenkorrekturen beinhaltet, ist von einem Zeitraum von drei bis sechs Monaten auszugehen.

Hallux valgus: Vorbeugen

Einem Hallux valgus können Sie durch verschiedene Maßnahmen wirksam vorbeugen: Da vor allem das häufige Tragen zu enger Schuhe für den Ballenzeh verantwortlich ist, empfiehlt es sich, grundsätzlich Schuhe mit genügend Zehenspielraum und flachen Absätzen zu tragen.

Vor allem Kinderschuhe sind häufig zu klein und stellen so schon frühzeitig die Weichen für die Entwicklung von Fehlstellungen der Zehen. Achten Sie daher zum Schutz vor Hallux valgus ganz besonders darauf, dass die Schuhe (oder auch Socken) Ihrer Kinder die Füße nicht einengen.

Daneben können häufiges Barfußlaufen sowie regelmäßige Fußgymnastik dazu beitragen, einen Hallux valgus zu verhindern. Hierbei sind vor allem Übungen geeignet, bei denen Sie den großen Zeh abspreizen.

Wenn Sie schon einen Hallux valgus haben, können Sie einer zunehmenden Verschlimmerung vorbeugen: Auch hierzu ist Zehengymnastik geeignet; daneben sind entsprechende Einlagen für Ihre Schuhe sinnvoll.

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Um zu verhindern, dass sich ein Hallux valgus entwickelt, ist vor allem eins wichtig: dass die Zehen immer genügend Spielraum haben. Das bedeutet: auf enge Schuhe verzichten und öfter mal barfuß laufen!

Hallux valgus: Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Forum Orthopädie & Rückenschmerzen (Expertenrat)

Buchtipps:

Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Abrufdatum: 27.7.2017)

Online-Informationen der Gesellschaft für Fußchirurgie e.V. (GFFC): www.gesellschaft-fuer-fusschirurgie.de (Abrufdatum: 27.7.2017)

Baumgartner, R., Greitemann, B.: Grundkurs Technische Orthopädie. Thieme, Stuttgart 2015

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC): Hallux valgus. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 033/018 (Stand: April 2014)

Imhoff, A.B., Linke, R.D., Baumgartner, R.: Checkliste Orthopädie. Thieme, Stuttgart 2014

Wirth, C.J., Mutschler, W., Kohn, D., Pohlemann, T.: Praxis der Orthopädie und Unfallchirurgie. Thieme, Stuttgart 2014

Wülker, N., Mittag, F.: Therapie des Hallux valgus. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 109, Heft 49, S. 857−868 (7.12.2012)

Clusmann, H., Heidenreich, A., Pallua, N., Pape, H.-C., Tingart, M.: Chirurgie... in 5 Tagen – Band 2. Springer, Berlin 2012

Müller, C.: Die Hallux-valgus-Deformität und Ihre Behandlung mit der Austin-Osteotomie. Ergebnisse einer klinischen Nachuntersuchung. Dissertation, LMU München: Medizinische Fakultät (Stand: Juni 2006)

Maier, E., Killmann, M.: Kinderfuß und Kinderschuh: Entwicklung der kindlichen Beine und Füße und ihre Anforderungen an fußgerechte Schuh. Neuer Merkur Verlag, München 2003

Aktualisiert am: 27. Juli 2017

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