Gicht: Zu viel Harnsäure im Blut

Veröffentlicht von: Wiebke Raue

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Die Gicht galt lange als Krankheit der Reichen. Das ist heute nicht mehr so. Allerdings ist Gicht vor allem in Ländern mit einem höheren Lebensstandard verbreitet. "Schuld" daran sind vor allem die hier vorherrschenden Ess- und Trinkgewohnheiten.

Was ist Gicht?

Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung. Dabei sammelt sich zu viel Harnsäure im Blut an. Dadurch bilden sich Harnsäurekristalle, die sich an verschiedenen Stellen ablagern – vor allem in Gelenken, Schleimbeuteln, Sehnen und inneren Organen.

Die Ablagerungen führen typischerweise zu schmerzhaften Gelenkentzündungen, die unbehandelt zu Gelenkschäden (sog. Arthritis urica) führen können. Auch in inneren Organen können sich die Kristalle einlagern, zum Beispiel in der Niere, und dort Funktionsstörungen verursachen.

Wenn zu viel Harnsäure im Blut vorhanden ist, sprechen Ärzte von einer Hyperurikämie. Eine Hyperurikämie entsteht entweder, weil der Körper übermäßig Harnsäure produziert oder, weil er nicht ausreichend Harnsäure ausscheiden kann.

Erst wenn die Harnsäurekonzentration einen kritischen Wert überschritten hat, treten erste Symptome auf – in Form eines akuten Gichtanfalls: Betroffene leiden plötzlich, wie aus heiterem Himmel, an starken Schmerzen an einem Gelenk, zum Beispiel am Fuß. Schon kleine Berührungen können den Schmerz verstärken. Die schmerzende Stelle schwillt an, wird heiß und verfärbt sich. Nach einigen Tagen ist der Anfall abgeklungen und es kann viel Zeit vergehen, bis ein weiterer Anfall auftritt. Nur selten wird eine Gicht chronisch. Dann leiden die Betroffenen an dauerhaften Schmerzen und Gelenkveränderungen.

Wie häufig ist die Gicht?

Gicht tritt in Gebieten mit hohem Lebensstandard wesentlich häufiger auf als beispielsweise in Entwicklungsländern. Dies ist auf die unterschiedliche Ernährung zurückzuführen: Besonders der übermäßige Konsum von Lebensmitteln wie Innereien und Fleisch sowie von Alkohol können die Entstehung der Gicht fördern.

In Wohlstandsgebieten erkranken etwa 2 von 100 Menschen an Gicht, wobei vorwiegend ältere Menschen betroffen sind. Männer entwickeln deutlich häufiger eine Gicht als Frauen.

Vom Zipperlein zur Gicht

Früher nannte man die Gicht im Volksmund Zipperlein. Die Gicht galt als Krankheit der Wohlhabenden. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wurde zwischen Rheuma und Gicht nicht unterschieden. Erst ein Jahrhundert später, im Jahr 1797, entdeckten Forscher erstmals, dass sich in den Gichtknoten, die im Verlauf der Erkrankung entstehen können, Harnsäure-Kristalle befinden. 50 Jahre später wurde klar, dass es sich bei der Gicht um eine Stoffwechselstörung handelt. Bis zu diesem Zeitpunkt ging man von einer "Störung der Körpersäfte" aus. Schon früh war jedoch bekannt, dass ein Zusammenhang zwischen der Erkrankung und erhöhtem Fleisch- und Alkoholkonsum besteht.

Ursachen

Eine Gicht entwickelt sich immer dann, wenn der Körper entweder

Ist der Harnsäurespiegel zu hoch, bilden sich Harnsäurekristalle. Sie sind die Ursachen der typischen Gicht-Beschwerden: Die Kristalle lagern sich vor allem in Gelenken, Schleimbeuteln und Sehnen ab und können zu schmerzhaften Gelenkentzündungen führen.

Primäre und sekundäre Gicht

Mediziner unterscheiden zwei Formen der Gicht: die primäre und die sekundäre Gicht.

Die primäre Gicht (auch: primäre Hyperurikämie) entsteht durch erbliche Veranlagung. Der Körper bildet mehr Harnsäure, als er ausscheidet. Als Folge sammelt sich Harnsäure im Körper an. Die primäre Gicht ist die häufigste Form der Erkrankung.

Die seltenere sekundäre Gicht (sekundäre Hyperurikämie) entsteht infolge anderer Erkrankungen oder durch Medikamente. Beispielsweise können Nierenerkrankungen oder Diabetes Typ 2 dazu führen, dass die Nieren weniger Harnsäure ausscheiden, sodass die Konzentration im Blut steigt. Eine sekundäre Gicht kann aber auch entstehen, wenn viele körpereigene Zellen absterben – etwa bei Leukämie – sodass sich im Körper viele Purine bilden: Purine sind Naturstoffe, die der Körper (beim normalen Zellstoffwechsel) selbst herstellt und (über den sog. Purinstoffwechsel) zu Harnsäure abbaut. Je mehr Purine im Körper vorhanden sind, desto mehr Harnsäure entsteht also.

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Gicht hat oft erbliche Ursachen. Ausgelöst werden kann ein akuter Gichtanfall z.B. durch purinreiche Kost.

Der Mensch nimmt Purine über die Nahrung auf. Purinhaltige Nahrungsmittel sind zwar nicht als direkte Ursachen für Gicht anzusehen, aber sie können einen Gicht-Anfall begünstigen.

Wer erblich vorbelastet ist und sich purinreich ernährt, erhöht dauerhaft seinen Harnsäurespiegel und fördert damit, dass ein Gichtanfall entsteht.

Gichtanfall: Auslöser

Ein Gichtanfall kann durch bestimmte Faktoren begünstigt werden. Hierzu zählen

  • übermäßiger Alkoholkonsum,
  • der Verzehr von großen Mengen purinreicher Lebensmittel,
  • starke körperliche Anstrengung und
  • ein hoher Gewichtsverlust, etwa durch Fasten.

Typische Symptome

Wer Gicht hat, bemerkt zunächst keine Symptome. Diese asymptomatische Phase der Gicht kann Jahre bis Jahrzehnte andauern. Während dieser Zeit steigt der Harnsäurespiegel im Blut unbemerkt an – es entsteht eine sogenannte Hyperurikämie.

Akuter Gichtanfall

Deutliche Symptome einer Gicht treten erst auf, wenn die Harnsäurekonzentration einen kritischen Wert erreicht: Dann bilden sich Harnsäurekristalle, die sich in den Gelenken einlagern und einen akuten Gichtanfall auslösen können. Häufig ist dabei das Grundgelenk der Großzehen an einem Fuß betroffen (sog. Podagra bzw. Fußgicht).

Typische Symptome bei einem akuten Gichtanfall: Das Gelenk

  • ist entzündet,
  • fühlt sich heiß an,
  • verfärbt sich dabei schlagartig rot bis bläulich und
  • schwillt an.

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Symptome einer Gicht zeigen sich erst, wenn die Harnsäurekonzentration einen kritischen Wert überschritten hat. Ein akuter Gichtanfall entsteht häufig am Grundgelenk des großen Zehs.

In etwa 90 Prozent der Gichtanfälle ist die Harnsäurekonzentration im Blut deutlich erhöht. Die Symptome eines Gichtanfalls treten in den meisten Fällen völlig überraschend bei scheinbar gesunden Menschen auf.

Zu den Auslösern eines akuten Gichtanfalls zählen übermäßiges fettreiches Essen oder ausschweifender Alkoholkonsum, die den Harnsäurewert ansteigen lassen. Auch körperliche Anstrengung kann einen Gichtanfall begünstigen.

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Üppiges Essen kann einen Gichtanfall begünstigen.

Ohne Behandlung kann es ein bis zwei Wochen dauern, bis die Symptome der Entzündung abgeklungen sind. Danach folgt meist eine Monate bis Jahre andauernde Phase, in der keine Symptome auftreten (sog. interkritische Phase).

Chronische Gicht

Nur bei lange unerkannter oder unzureichend behandelter Gicht kann die Erkrankung chronisch werden. Typische Symptome einer chronischen Gicht sind dauerhafte Schmerzen und bleibende Gelenkveränderungen, die zunehmend die Funktion des Gelenks beeinträchtigen. Die Schmerzen treten sowohl in Ruhe als auch bei Bewegung auf. Die chronische Gicht kommt jedoch nur selten vor.

Gichttophi

Eine chronische Gicht kann dazu führen, dass sich an den Ansätzen der Sehnen in der Nähe eines Gelenks – zum Beispiel an Ellenbogen, Hand und Fuß – Harnsäurekristalle ablagern und Gichtknoten bilden. Diese nennt man auch Gichttophi.

Was sind Gichttophi?

Gichttophi sind schmerzlose, harte Knötchen von maximal einem Zentimeter Größe, die unmittelbar unter der Haut liegen. Brechen die Gichtknoten auf, entleert sich eine weiße Masse, die vorwiegend aus Harnsäure besteht.

Gichttophi können sich auch außerhalb eines Gelenks bilden: Häufig erscheinen sie am Rand des Ohrknorpels. Augenlider und Nasenflügel können ebenfalls betroffen sein.

Wie stellt man die Diagnose?

Der erste Verdacht auf Gicht entsteht meist, wenn die typischen Symptome eines akuten Gichtanfalls auftreten. Der erste Gichtanfall entsteht meistens am großen Zeh: Das Grundgelenk entzündet sich und schmerzt stark.

Bei einer Gicht ist der Harnsäurespiegel im Blut meist erhöht (sog. Hyperurikämie). Um herauszufinden, ob es sich tatsächlich um Gicht handelt, wird der Arzt eine Blutprobe entnehmen, um die Harnsäurewerte zu bestimmen. Die Harnsäurewerte gelten als erhöht, wenn sie

Je höher der Harnsäurespiegel, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, einen akuten Gichtanfall zu bekommen.

Darüber hinaus kann der Arzt Harnsäurekristalle in befallenen Gelenken nachweisen, indem er Gelenkflüssigkeit untersucht.

Im weiteren Verlauf verursacht die Gicht zunehmend erkennbare Veränderungen in den Gelenken und Gichtknoten, die dann auf dem Röntgenbild zu erkennen sind. Wenn untypischerweise nur die Fingergelenke von den Knoten betroffen sind, wird der Arzt gegebenenfalls weitere Untersuchungen veranlassen, um mögliche andere Ursachen auszuschließen (z.B. arthrotische Veränderungen der Fingergelenke).

Behandlung

Auch wenn die ersten Symptome einer Gicht von selbst wieder verschwunden sind, ist eine frühzeitige Behandlung empfehlenswert. Der Grund: Gicht kann ohne Therapie auf Dauer die Gelenke und auch innere Organe schädigen.

Ziel der Behandlung von Gicht ist es,

Was tun bei einem Gichtanfall?

Wenn Ihr Harnsäurespiegel durch die Gicht so angestiegen ist, dass ein Gichtanfall entstanden ist, kann eine schnelle Therapie Ihre akuten Beschwerden lindern. Die akute (initiale) Behandlung sollte möglichst früh einsetzen. Dabei stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung:

Medikamente mit Acetylsalicylsäure sind nicht für die initiale Gicht-Behandlung geeignet – im Gegenteil: Wenn Sie dieses Mittel gegen Schmerzen bei Gicht einnehmen, kann das den Harnsäurespiegel im Blut erhöhen – das Risiko für einen erneuten Gichtanfall steigt.

In der Regel verschwinden die Beschwerden durch die Medikamente rasch, meist schon innerhalb eines Tages. Der Harnsäurespiegel im Blut sinkt dadurch jedoch nicht.

Gichtanfall: Das können Sie selbst tun

Um die initiale Behandlung zu unterstützen, können Sie etwas tun:

  • Kühlen Sie die entzündeten Gelenke mit Umschlägen.
  • Lagern Sie Arme bzw. Beine beziehungsweise Arme ruhig.
  • Trinken Sie viel, verzichten Sie dabei aber auf Alkohol.

Dauertherapie

Bei einer Gicht ist es nicht nur wichtig, den akuten Anfall zu behandeln. Mithilfe einer dauerhaften Behandlung sollen weitere Gichtanfälle verhindert werden. Zudem will der Arzt vermeiden, dass die Gicht chronisch wird. Dazu ist es nötig, den erhöhten Harnsäurespiegel im Blut zu senken und auf lange Sicht zu stabilisieren. Eine große Rolle spielt dabei unter anderem die Ernährung. In manchen Fällen sind zusätzlich Medikamente nötig.

Ziel der Dauertherapie ist es, Ihren Harnsäurespiegel im Blutplasma auf Wert zwischen 5.5 und 6 Milligramm pro Deziliter zu bringen – dann sind Sie gut eingestellt.

Umstellung der Ernährung: Purinarme Kost & Co.

Eine purinarme, gesunde Kost ist die Grundvoraussetzung dafür, dass die dauerhafte Therapie erfolreich ist. Purinarme Nahrung senkt und stabilisiert den Harnsäurespiegel und beeinflusst den Verlauf der Gicht so günstig, dass Sie bei der Behandlung weniger Medikamente einnehmen oder sogar ganz auf sie verzichten können.

Folgende Ernährungsregeln sollten Personen mit Gicht beherzigen:

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Therapie von Gicht: Wer an der Erkrankung leidet, sollte eventuelles Übergewicht abbauen – zum Beispiel durch reichlich Bewegung und eine purinarme Kost!

Medikamente

Wenn die Harnsäurewerte zu Beschwerden führen und / oder viel zu hoch sind, sind Medikamente geeignet, die den Harnsäurespiegel langfristig senken können. Dazu zählen:

Verlauf

Die Gicht nimmt in der Regel einen positiven Verlauf. Voraussetzung ist, dass der Harnsäurespiegel frühzeitig gesenkt wird – denn ohne Behandlung kann sich die Gicht zu einer chronischen Erkrankung entwickeln.

Komplikationen

Eine Gicht kann im weiteren Verlauf zu verschiedenen Komplikationen führen, insbesondere, wenn sie unbehandelt bleibt. Neben ausgeprägten Gelenkschäden (Arthritis urica) können Nierensteine entstehen. Wenn sich zu viel Harnsäure in den Nieren ablagert, können die Nieren versagen (sog. chronische Gichtniere).

Wie kann man vorbeugen?

Die meisten Menschen mit Gicht haben eine entsprechende erbliche Veranlagung. Daher ist es nicht möglich, einer Gicht zu 100 Prozent vorzubeugen.

Wenn Sie bereits an Gicht erkrankt sind, können Sie allerdings einiges tun, um akute Gichtanfälle oder eine chronische Gicht zu verhindern. Falls Ihr Arzt Ihnen Medikamente verordnet hat: Achten Sie darauf, die Arzneimittel regelmäßig einzunehmen.

Zudem spielt die Ernährung eine wichtige Rolle – nicht nur bei der Behandlung, sondern auch zum Vorbeugen von Gichtanfällen oder einer chronisch verlaufenden Gicht. Mit einem geeigneten Ernährungsplan können Sie die Gicht möglicherweise so positiv beeinflussen, dass Sie weniger oder sogar gar keine Medikamente mehr einnehmen müssen.

Sie können erneuten Gichtanfällen vorbeugen, indem Sie folgende Tipps beherzigen:

  • Bauen Sie Übergewicht ab! Es ist wichtig, dass Ihr Body-Mass-Index (BMI) kleiner als 25 ist.
  • Achten Sie auf eine purinarme Kost: Essen Sie bei Gicht purinreiche Nahrungsmittel nur in geringen Mengen, da der Körper die in der Nahrung enthaltenen Purine zu Harnsäure umbaut. Wenn Sie eine purinarme Ernährung einhalten, hilft dies, den Harnsäurespiegel zu senken beziehungsweise zu stabilisieren.
  • Nehmen Sie viel Flüssigkeit zu sich: Trinken Sie viel, mindestens zwei Liter täglich, am besten in Form von Mineralwasser, Kräutertee und / oder Früchtetee.
  • Trinken Sie bei Gicht möglichst keinen Alkohol, insbesondere kein Bier oder Spirituosen.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu „Gicht”:

Onmeda-Lesetipps:

Quellen:

Herold, G.: Innere Medizin. Eigenverlag, Köln 2017

Online-Informationen des Berufsverbands Deutscher Rheumatologen e.V.: www.bdrh.de (Abrufdatum: 10.5.2017)

Hettenkofer, H., Schneider, M., Braun, J.: Rheumatologie. Thieme, Stuttgart 2015

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): Patienteninformation Gicht. Online-Publikation: www.degam.de (Stand: Juni 2014)

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): Gicht: Häufige Gichtanfälle und Chronische Gicht in der hausärztlichen Versorgung. AWMF-Reg.-Nr. 53 / 32a (Stand: 30.9.2013)

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): Gicht: Akute Gicht in der hausärztlichen Versorgung. AWMF-Reg.-Nr. 53 / 32b (Stand: 30.9.2013)

Hahn, J.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013

Biesalski, H., Bischoff, S., Puchstein, C.: Ernährungsmedizin. Thieme, Stuttgart 2010

Aktualisiert am: 11. Mai 2017

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