Angststörung: Wenn Angst krank macht

Veröffentlicht von: Wiebke Raue

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Ob Spinnenphobie oder Angst vor Menschenmengen: Eine Angststörung kann das Leben erheblich beeinträchtigen – manchmal sogar so sehr, dass eine Person nicht mehr arbeiten oder das Haus verlassen kann. Wichtig ist, sich der Angst zu stellen: Mithilfe einer geeigneten Therapie kann man eine Angststörung meist gut in den Griff bekommen.

Jeder Mensch kennt das Gefühl der Angst. Diese Emotion ist eine völlig natürliche Reaktion auf eine mögliche Gefahr. Angst ist sinnvoll, da sie uns unter Umständen vor Gefahren bewahrt – etwa, indem wir eine Situation meiden oder die Flucht ergreifen.

Die schützende Funktion von Angst war schon immer (überlebens)wichtig: Hätten unsere Vorfahren beim Anblick eines wilden Tieres nicht die Flucht ergriffen, hätte sie das vermutlich das Leben gekostet. Und auch heutzutage hält uns Angst häufig davon ab, ein zu hohes Risiko einzugehen. Mit einer Angststörung haben solche "normalen" Angstgefühle nichts zu tun.

Was ist eine Angststörung?

Eine Angststörung ist eine Erkrankung, bei der eine Person starke Angstreaktionen zeigt, obwohl es dafür keinen objektiven Grund gibt. Der Betroffene kann die Angst kaum oder nicht kontrollieren. Ein veralteter Begriff für Angststörung ist Angstneurose.

Viele Menschen verspüren etwa ein Unwohlsein oder Ekel, wenn sie eine Spinne sehen – aber nicht alle von ihnen leiden auch an einer Spinnenphobie. Andere Menschen wiederum halten nur ungern eine Rede und sind vor ihrem Auftritt sehr aufgeregt, was jedoch noch lange nicht heißt, dass sie unter einer behandlungsbedürftigen Angststörung leiden. Erst, wenn eine Angst unangemessen stark ist und in keinem Verhältnis zur Situation steht, spricht man von einer Angststörung. 

Formen von Angststörungen

Es gibt unterschiedliche Formen von Angststörungen:

Darüber hinaus gibt es Mischformen, die man nicht exakt der einen oder anderen Form zuordnen kann. Auch können Angst und Depression gemischt vorkommen.

Wie häufig sind Angststörungen?

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Schätzungen zufolge haben innerhalb eines Jahres 15 von 100 Menschen eine Angststörung. Frauen erhalten die Diagnose deutlich häufiger als Männer.  

Die spezifischen Phobien (z.B. Höhenangst, Klaustrophobie, Tierphobien) sind am weitesten verbreitet, müssen aber nur relativ selten psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandelt werden. Dahingegen tritt die Panikstörung zwar seltener auf, ist aber am ehesten behandlungsbedürftig.

Angststörung: Typische Symptome

Eine Angststörung kann sich durch viele verschiedene Symptome äußern. Die Erkrankung betrifft nicht nur das seelische Erleben, sondern auch den Körper.

Oft steht nicht unbedingt das subjektive Gefühl von Angst im Vordergrund. Vielmehr sind oft körperliche Symptome, die  einen Erkranktendazu veranlassen, einen Arzt aufzusuchen. Aus diesem Grund vermuten Ärzte häufig zunächst eine körperliche Erkrankung, bis die Diagnose feststeht.

Typisch für eine Angsterkrankung ist das Vermeidungsverhalten: Aus Angst vor der Angst beginnt die Person, bestimmte Situationen oder Objekte zu meiden. So umgeht ein Mensch mit einer Flugangst in Zukunft zum Beispiel das Fliegen. Manche Agoraphobiker verlassen das Haus nur noch in Begleitung – oder auch gar nicht mehr.

Je länger der Erkrankte die angstmachende Situationen vermeidet, desto stärker wird auch die Angst. In der Folge vermeidet die Person immer mehr Situationen.

Personen mit einer Angststörung befürchten, die Kontrolle zu verlieren. So deuten sie beispielsweise körperliche Symptome als drohende Herzattacke oder befürchten, in der Situation das Bewusstsein zu verlieren, zusammenzubrechen oder verrückt zu werden.

Generalisierte Angststörung: Symptome

Der Begriff "generalisierte Angststörung" beschreibt eine lang anhaltende Angst, die nicht nur auf bestimmte Situationen oder Objekte begrenzt ist (sog. frei flottierende Angst). Die Angst kann sich auf verschiedene Lebensumstände oder Alltagssituationen beziehen – wovor sie genau Angst haben, können Betroffene jedoch oft nicht sagen. So machen sie sich zum Beispiel übertriebene Sorgen, es könne ihren Angehörigen irgendetwas zustoßen. Die Angst tritt über Monate oder Jahre hinweg immer wieder auf. Menschen mit generalisierter Angststörung können sich nur kurzfristig von dieser Angst ablenken oder distanzieren.

Eine generalisierte Angststörung äußert sich durch typische Symptome wie:

Panikstörung: Symptome

Eine Panikstörung äußert sich in wiederholten, unerwarteten Panikattacken. Bei einer Panikattacke tritt plötzlich,wie aus heiterem Himmel, eine intensive Angst auf. Innerhalb weniger Minuten steigert sich die Angst zu einem Höhepunkt und flaut dann langsam ab. Neben starken Angstgefühlen sind ausgeprägte körperliche Symptome typisch, so zum Beispiel:

Viele Betroffene empfinden Todesangst. Häufig haben sie Angst vor der nächsten Attacke (Erwartungsangst) und ziehen sich immer mehr zurück.

Eine Panikattacke kann einige Minuten bis einige Stunden anhalten – in den meisten Fällen dauert sie aber etwa 10 bis 30 Minuten an.

Wenn sich die körperlichen Symptome einer Panikstörung auf das Herz konzentrieren (z.B. Herzrasen, Engegefühl in der Brust), spricht man von einer Herzphobie. Von dieser Form der Panikstörung sind vor allem Männer im mittleren Lebensalter betroffen. Auslöser einer Herzphobie ist oft eine Herzerkrankung im näheren Umfeld des Betroffenen oder auch eine allzu intensive Beschäftigung mit diesem Krankheitsbild.

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Panikattacken treten wie aus heiterem Himmel auf.

Phobien: Symptome

Phobiker haben eine unbegründete Angst vor bestimmten Gegenständen oder Situationen. Obwohl sie wissen, dass die Angst unsinnig ist, verspürt er den Drang, die Situationen oder Objekte zu meiden.

Symptome einer Agoraphobie

Personen mit einer Agoraphobie haben Angst vor Situationen, in denen sie sich außerhalb ihrer gewohnten Umgebung aufhalten. Die Betroffenen fürchten in solchen Situationen, "im Notfall" nicht flüchten zu können – zum Beispiel, wenn sie ohnmächtig werden oder die Blase nicht kontrollieren könnenInfolge dieser Befürchtungen meiden die Erkrankten die Angst auslösenden Situationen, sodass sie zunehmend in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind.

Eine Agoraphobie tritt häufig in Verbindung mit einer Panikstörung auf.

Typische Situationen, die Agoraphobiker vermeiden, sind:

Symptome einer sozialen Phobie

Eine soziale Phobie äußert sich durch eine anhaltende, starke Angst vor sozialen Situationen, in denen der Betroffene im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Personen mit einer sozialen Phobie haben beispielsweise Angst davor,

Der Betroffene weiß, dass die Angst unvernünftig und übertrieben ist, kann sich aber kaum dagegen wehren und versucht deshalb, die Angst auslösenden Situationen zu vermeiden. Die soziale Phobie geht weit über eine normale Schüchternheit hinaus und tritt häufig in Verbindung mit niedrigem Selbstwertgefühl und Furcht vor Kritik auf. Typische Symptome sind:

Symptome einer spezifischen Phobie

Eine spezifische Phobie ist durch die anhaltende Angst vor einem spezifischen Objekt oder einer bestimmten Situation gekennzeichnet. Besonders häufige Formen sind:

Solche Ängste sind weit verbreitet. Sie werden erst dann als krankhaft angesehen, wenn sie den Tagesablauf, die üblichen sozialen Aktivitäten oder Beziehungen beeinträchtigen oder erhebliches Leid verursachen. So kann es zum Beispiel sein, dass ein Betroffener aus Angst, auf der Straße einem Hund zu begegnen, nicht mehr allein das Haus verlässt.

Angststörung: Die Ursachen sind vielfältig

Es gibt verschiedene, vielschichtige Theorien und Erklärungsansätze über die Ursachen einer Angststörung. Insbesondere lerntheoretische, psychodynamische und neurobiologische Erklärungsversuche stehen dabei im Mittelpunkt.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass verschiedene Faktoren im Zusammenspiel zu einer Angststörung führen. Dazu zählen:

Psychodynamische Theorien

Anhänger der psychodynamischen Theorien gehen davon aus, dass innere Konflikte hinter einer starken Angst stehen können. Auch nimmt man an, dass die betroffene Person nicht die Fähigkeit entwickeln konnte, mit normaler Angst umzugehen. In Konfliktsituationen fühlt sich die Person überfordert, sodass alte kindliche Ängste in ihr aufsteigen können. Auch treten besonders bei drohendem Verlust (z.B. einer nahestehenden Bezugsperson oder sozialer Anerkennung) akute Ängste wie Trennungsangst auf.

Bei Phobien vermutet man, dass der Betroffene seine inneren Konflikte (z.B. verdrängte sexuelle Phantasien) durch Abwehrmechanismen nach außen verlagert. Der Phobiker hat dann nicht eigentlich Angst vor dem Objekt, auf das er phobisch reagiert (z.B. eine Spinne), sondern er fürchtet in Wahrheit die unbewusste Phantasie, die im übertragenen Sinne mit diesem Objekt in Verbindung steht. Die äußere steht also für eine innere Angst.

Lerntheoretische Erklärungen

Mithilfe der lerntheoretischen Ansätze kann man vor allem erklären, wie eine Phobie entsteht.

Man nimmt an, dass ein mehrstufiger Prozess zu einer Phobie führt, sofern entsprechende begünstigende und auslösende Faktoren zusammentreffen. Zunächst "erlernt" eine Person die Angst vor einer ehemals neutralen Situation. Am Beispiel der Flugangst bedeutet das: Eine Person, die nie Angst vor dem Fliegen hatte, erlebt etwa bei einem unruhigen Flug die Angst abzustürzen. Die ehemals neutrale oder sogar als angenehm erlebte Situation des Fliegens ist nun mit Angst besetzt. Würde diese Person sich danach wiederholt dieser Situation aussetzen und dabei sehen, dass die Angst unbegründet ist, würde das Fliegen seinen bedrohlichen Charakter verlieren. Die erworbene Angst vor dem Fliegen hält aber die Person davon ab, sich dieser Situation erneut auszusetzen. Dadurch, dass die Person die angstmachende Situation vermeidet, wird die Angst weiterhin aufrechterhalten – durch das Vermeiden der Situation wird das Ausbleiben der Angst "belohnt".

Man kann auch eine phobische Angst vor einer Situation oder einem Objekt erwerben, mit der / dem man selbst noch nie schlechte Erfahrungen gemacht hat. So kann beispielsweise ein Kind Angst vor Mäusen entwickeln, weil es gesehen hat, mit welcher Angst seine Mutter auf den Anblick einer Maus reagiert hat. Durch diese Beobachtung hat es gelernt, dass eine Maus etwas ist, wovor man Angst haben muss.

Bei der Entstehung von Angststörungen spielt auch die Wahrnehmung körperlicher Symptome eine wichtige Rolle. Verspürt eine Person Angst, stellen sich bei ihr körperliche Reaktionen wie zum Beispiel Herzrasen, Schweißausbrüche oder Zittern ein. Diese Symptome deutet der Betroffene subjektiv als Gefahr, was dazu führt, dass die Angst noch größer wird. Durch die damit verbundene Stressreaktion verstärken sich wiederum die körperlichen Symptome. Es hat sich auf diese Weise ein Teufelskreis der Angst gebildet, der bewirkt, dass die Angst immer weiter zunimmt.

Die Lerntheorie kann auch erklären, warum es im Zusammenhang mit Panikstörungen zu Erwartungsängsten kommt. Tritt eine Panikattacke wiederholt auf, bekommt die Person Angst vor weiteren Attacken; es entsteht eine Angst vor der Angst.

Neurobiologische Aspekte

Neurobiologische Befunde zeigen, dass bei Menschen mit einer Angststörung unter anderem eine spezielle Hirnregion Besonderheiten aufweist: das sogenannte limbische System. Das limbische System spielt unter anderem bei der Verarbeitung und Empfindung menschlicher Gefühle eine große Rolle.

Ein weiterer Faktor, der eine Rolle zu spielen scheint, ist das vegetative Nervensystem. Das vegetative Nervensystem reguliert und kontrolliert die Funktionen der inneren Organe, etwa Herz und Atmung. Bei Menschen, die an einer Angststörung leiden, scheint das vegetative Nervensystem labil zu sein – es wird durch verschiedenste Reize sehr schnell erregt. Dies führt dazu, dass sich Angstsymptome besonders schnell ausbilden können. Diese Labilität des vegetativen Nervensystems ist offenbar angeboren.

Man vermutet, dass bestimmte Botenstoffsysteme (Transmittersysteme) im Gehirn von Angstpatienten aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Und auch verschiedene hormonelle Substanzen scheinen bei der Entstehung einer Angsterkrankung von Bedeutung zu sein, so zum Beispiel Kortisol, ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) und CRF (Corticotropin Releasing Factor).

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In manchen Familien kommen Angststörungen gehäuft vor.

Angststörung: Diagnose

Häufig wird eine Angststörung erst diagnostiziert, wenn der Erkrankte bereits einen langen Leidensweg hinter sich hat. Gerade bei Personen, deren Angst sich vor allem körperlich niederschlägt,  suchen Ärzte die Ursache für die Beschwerden zunächst im körperlichen Bereich. Auch kann es sein, dass die Angststörung das Leben so einschränkt, dass der Erkrankte den Arztbesuch meidet. Dies kann etwa der Fall sein, wenn der Betroffene eine Agoraphobie hat und das Haus vor Angst nicht verlassen kann.

Um herauszufinden, ob es sich um eine Angststörung handelt, wird der Arzt, Psychiater oder Psychotherapeut ein ausführliches Gespräch mit der Person führen. Als Hilfestellung für das diagnostische Gespräch kann er strukturierte Interviewleitfäden oder Fragebögen benutzen.

Angst ist eine ganz normale und natürliche Reaktion auf eine Bedrohung.  Entscheidend für die Diagnose einer Angststörung ist daher nicht nur, dass typische Angstsymptome vorliegen, sondern auch, in welchen Situationen sie auftreten, wie ausgeprägt diese Symptome sind und wie lange sie schon bestehen.

Um auszuschließen, dass die Angstsymptome auf eine körperliche Ursache zurückzuführen sind, sollte ein Arzt den Betroffenen umfassend körperlich untersuchen – denn manche Erkrankungen können mit Symptomen einhergehen, die denen einer Angststörung ähneln. Zu solchen Krankheiten zählen zum Beispiel

Zudem ist es für die Behandlung wichtig zu wissen, ob die Angst im Vordergrund steht oder ob sie als Begleiterscheinung einer anderen psychischen Erkrankung (z.B. Depression) auftritt.

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Wichtig, um die Diagnose zu stellen, ist ein ausführliches Gespräch.

Auch manche Medikamente können Beschwerden hervorrufen, die an eine Angststörung erinnern.

Als wichtiges diagnostisches Hilfsmittel werden häufig auch sogenannte Angsttagebücher eingesetzt. Der Betroffene hält im Tagebuch über einen längeren Zeitraum fest, wie oft, in welchen Situationen und wie stark die Angst aufgetreten ist. Das Angsttagebuch erleichtert dem Therapeuten, die Behandlung individuell zu planen.

Angststörung: Behandlung

Je früher Personen mit einer Angststörung eine angemessene Behandlung bekommen, desto größer ist auch die Chance auf Heilung. In den meisten Fällen lässt sich eine Angststörung gut therapieren.

Bei der Behandlung von Angststörungen hat sich eine Kombination aus medikamentösen sowie psychotherapeutischen Ansätzen als besonders wirkungsvoll erwiesen.

Die Behandlung richtet sich zum einen danach, um welche Angststörung es sich handelt und wie ausgeprägt diese ist. Zum anderen sind die individuellen Wünsche und Vorlieben des Patienten wichtig.  

Psychotherapie

Nur wenn die Therapie Ihren eigenen Bedürfnissen entspricht, kann sie auch ihre optimale Wirkung zeigen. Es gibt unterschiedliche Formen der Psychotherapie. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie hat sich bei der Behandlung von Angststörungen als wirksam erwiesen. Manche Menschen fühlen sich jedoch mit einer anderen Therapieform wohler. Sprechen Sie ausführlich mit Ihrem Arzt oder Psychotherapeuten – er kann mit Ihnen gemeinsam entscheiden, welche Behandlung für Sie infrage kommt!

Kognitive Verhaltenstherapie

Anhänger kognitiver Therapien gehen davon aus, dass unsere Gedanken auch Einfluss auf unsere Gefühle nehmen, das heißt: Stufe eine Person eine Situation als gefährlich ein, wird sich das auch auf ihre Gefühle auswirken.

Ein Beispiel: Herrn M. kommt beim Spazierengehen eine Frau mit einem Hund entgegen. Herr M. hat die Befürchtung, der Hund könne ihn beißen. Ihm fällt ein, dass er erst neulich von einer Attacke durch einen Hund gelesen hat. Er bekommt Angst und möchte am liebsten weglaufen.  Ein anderer Mensch wird dieselbe Situation möglicherweise als ungefährlich einschätzen, was andere Emotionen bei ihm hervorrufen würde. So wird er sich zum Beispiel freuen, den Hund zu sehen, ihn streicheln usw.

Wie eine Person etwas bewertet, hängt unter anderem davon ab, welche Erfahrungen sie in der Vergangenheit gemacht hat. So können bestimmte Ereignisse oder Erfahrungen dazu führen, dass ein Mensch fehlerhafte beziehungsweise für ihn ungünstige Überzeugungen entwickelt.

In der kognitiven Therapie soll der Betroffene erkennen, inwiefern sich Denken, Fühlen und Verhalten gegenseitig beeinflussen. Er lernt, welche seiner Denkabläufe und Verhaltensweisen dazu führen, dass die Angst aufrechterhalten wird. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, welche negativen Gedanken ihnen häufig durch den Kopf gehen. Hilfreich kann ein Tagebuch sein, in welchem der Betroffene seine Gedanken und Reaktionen in bestimmten Situationen festhält. Anschließend geht es darum, negativn Denk- und Verhaltensmuster gezielt zu unterbrechen und zu verändern – was sich dann wiederum auch auf die Gefühle auswirkt.

Um zu erfahren, dass eine Situation eigentlich nicht bedrohlich sind, zum Beispiel die Begegnung mit einem Hund, ist es wichtig, sich damit zu konfrontieren. Im Expositionsverfahren begibt sich der Angstkranke unter therapeutischer Anleitung in die gefürchtete Situation – meist zunächst in der Vorstellung und später real. Ziel ist es, so lange in der Situation zu verbleiben, bis die Angst spürbar nachlässt, sodass die Person erkennt, dass es keinen Grund für die Beschwerden gibt. Hat ein Mensch etwa Angst vor dem Fahrstuhlfahren, kann der Therapeut sich mit ihm direkt in die Situation geben. Schritt für Schritt lernt die Person, dass sie keine Angst vor der Situation haben muss. Ist eine Exposition nicht oder nur schwer möglich – etwa bei Flugangst –, kommt bei spezifischen Phobien auch eine sogenannte Virtuelle-Realität-Exposition zum Einsatz: Statt der realen Situation lernt der Patient in einer virtuellen Welt, seine Ängste abzubauen.

Psychodynamische Verfahren

Zu den psychodynamischen Verfahren zählen die analytische sowie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

 Anhänger der psychodynamischen Psychotherapie gehen von einem psychoanalytischen Ansatz aus: Alles, was ein Mensch denkt, fühlt oder tut, wird demnach durch unbewusste Erfahrungen beeinflusst. So können vor allem innere, meist unbewusste Konflikte hinter starken Ängsten stehen. Diese Konflikte können zum Beispiel durch bestimmte Ereignisse aus der Kindheit entstanden sein und sich in Form von Angst äußern.

In der Behandlung decken Therapeut und Betroffener zunächst den zugrundeliegenden Konflikt auf, um ihn anschließend zu bearbeiten. Der Betroffene soll erkennen, dass die hinter dem Konflikt stehenden Ängste unbegründet sind und nichts mit der Realität zu tun haben. Zudem soll er lernen, seine Konflikte konstruktiver zu lösen.

Medikamentöse Behandlung

Bei der medikamentösen Behandlung einer Angststörung kommen meist Antidepressiva zum Einsatz. 

Der Betroffene soll erfahren, dass er auch ohne medikamentöse Behandlung in der Lage ist, sich seiner Angst zu stellen und diese zu überwinden. Daher ist es wichtig, dass zum Beispiel Konfrontationsübungen nicht unter dem Einfluss Angst lösender Medikamente erfolgen.

Antidepressiva

Antidepressiva können angstlösend und beruhigend wirken. Bei Angststörungen haben häufig sogenannte

positive Effekte. Zu den SSRI zählen Wirkstoffe wie SertralinParoxetin, Escitalopram und Citalopram. Bei den SNRI kann unter anderem Venlafaxin helfen.

Antidepressiva greifen im Gehirn in den Stoffwechsel und in die Konzentrationsverhältnisse der Botenstoffe (Neurotransmitter) zwischen den Nervenzellen ein. Mithilfe der Botenstoffe werden elektrische Reize von einem Nerv zum anderen übertragen. Dazu setzt die Endigung des gereizten Nervs am Übergang zum Nachbarnerv einen Botenstoff frei. Der Botenstoff dockt an eine entsprechende Bindestelle (Rezeptor) des Nachbarnervs an. Das löst im Nachbarnerv ein elektrisches Signal aus, welches er weiterleitet. Hat der Botenstoff seine Aufgabe erledigt, wird er anschließend entweder abgebaut oder wieder in die ausschüttende Nervenzelle aufgenommen. Die Konzentration von Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin sind bei einer Angststörung häufig aus dem Gleichgewicht geraten. SNRI und SSRI verhindern gezielt, dass die Botenstoffe Serotonin beziehungsweise Serotonin und Noradrenalin in die Nervenzellen wiederaufgenommen werden und verlängern so deren positive Wirkung.

Nebenwirkungen können zum Beispiel

sein.

SNRI sollten nur nach Absprache mit dem Arzt mit Triptan-Präparaten kombiniert werden (z.B. Migräne-Medikamente).

Neben den SSRI und SNRI setzen Ärzte zur Behandlung von Angstzuständen auch auf sogenannte MAO-Hemmer wie Moclobemid sowie auf trizyklische Antidepressiva wie Clomipramin.

MAO-Hemmer verhindern den Abbau der sogenannten Monoamine (DopaminAdrenalin, Noradrenalin, Serotonin), sodass diese in höherer Konzentration vorliegen und somit depressions- und angstlindernd wirken. Zu möglichen Nebenwirkungen zählen MundtrockenheitUnruhe, Magen-Darm-Probleme und Kopfschmerzen.

Sogenannte trizyklische Antidepressiva lindern vor allem Angstzustände und innere Unruhe. Sie greifen in die Konzentration verschiedener Botenstoffe im Gehirn ein, indem sie die Aufnahme der Botenstoffe in die Nervenzellen hemmen. Somit stehen die Botenstoffe in höherer Konzentration zur Weiterleitung zwischen den Nervenzellen zur Verfügung. Unerwünschte Nebenwirkungen sind zum Beispiel niedriger Blutdruck, ein trockener Mund oder Schwindel.

Gut zu wissen: Bis Antidepressiva ihre volle Wirkung entfalten, dauert es mindestens zwei Wochen.

Weitere Wirkstoffe

Weitere Wirkstoffe, die bei Angststörungen zum Einsatz kommen können, sind etwa:

Benzodiazepine

Um die Zeit bis zur Wirkung der Antidepressiva zu überbrücken, setzt Ärzte manchmal auf sogenannte Benzodiazepine. Sie gehören zur Gruppe der Beruhigungs- und Schlafmittel.

Benzodiazepine zeigen sehr rasch ihre beruhigende Wirkung, können aber abhängig machen. Daher sollte man sie nur kurze Zeit und nur so lange wie nötig einnehmen.

Entspannung und Sport

Da das Erleben von Angst meist mit einer hohen Anspannung verbunden ist, ist es besonders effektiv, wenn der Betroffene lernt, sich in einen Zustand der Entspannung zu versetzen. Dazu eignet sich beispielsweise die progressive Muskelentspannung: Bei der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson entspannt man gezielt einzelne Muskelgruppen, indem diese zuerst angespannt und wieder locker gelassen werden.

Eine Abwandlung der progressiven Muskelentspannung ist die angewandte Entspannung (Applied Relaxation). Bei dieser Methode soll die Anspannung, die während einer Angst aufgebaut wird, zum einen bewusst wahrgenommen und zum anderen schnell wieder abgebaut werden. Der entspannte Zustand kann dabei mit einem Signalwort verknüpft werden, sodass nach einiger Zeit eine gezielte Entspannung allein mithilfe des Signals möglich ist.

Auch regelmäßige körperliche Aktivität kann sich als unterstützende Maßnahme bei Angststörungen positiv auswirken.

Mit Entspannung und Sport allein lässt sich eine Angsterkrankung zwar nicht heilen, aber sie können die Symptome deutlich lindern und die Behandlung unterstützen.

Angststörung: Verlauf

Wie sich eine Angststörung entwickelt, hängt von mehreren Faktoren ab – unter anderem davon,

Die Agoraphobie entwickelt sich häufig chronisch über Jahre hinweg. Personen mit einer Agoraphobie zeigen oft ein besonders ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Dies führt manchmal sogar dazu, dass die Betroffenen das Haus nicht mehr verlassen. Auch soziale Phobien können, wenn sie nicht behandelt werden, chronisch werden und dazu führen, dass sich ein Mensch vollständig von der Außenwelt isoliert.

Bei spezifischen Phobien wie zum Beispiel der Flugangst oder einer Spinnenphobie hängt die Prognose auch von dem Erkrankungsalter ab. In der Kindheit erworbene Phobien klingen meist ohne Behandlung ab, bei späterer Erkrankung bleibt die Phobie häufig bestehen.

Bei einer Panikstörung kann es zu Phasen kommen, in denen die Panikattacken seltener oder häufiger auftreten. Die Störung bleibt meist über Jahre in unterschiedlicher Intensität bestehen.Auch die generalisierte Angststörung kann ohne Behandlung über Jahre oder Jahrzehnte bestehen bleiben.

Oft ist es nicht die Angst selbst, die für die Betroffenen besonders belastend ist, sondern die damit verbundenen Folgen. Wenn man angstmachende Objekte oder Situationen meidet, kann dies die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Je nach Form und Ausprägung kann eine Angststörung das Leben eines Menschen stark beeinträchtigen. Manche Betroffene können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Andere fliegen nicht mehr in den Urlaub, weil sie Flugangst haben. Und wieder andere "igeln sich zu Hause ein" und haben kaum soziale Kontakte. 

DepressionenAlkoholismus und Medikamentenmissbrauch können mögliche Folgen sein

Gut zu wissen: Angststörungen sind behandelbar. Je früher die Therapie einsetzt, desto eher kann man verhindern, dass sich die Erkrankung weiter manifestiert.

Angststörung: Wie kann man vorbeugen?

Einer Angststörung kann man nicht sicher vorbeugen. Wichtig ist aber, dass Sie schon frühzeitig reagieren, wenn Sie erste Anzeichen feststellen. 

Die Grenzen zwischen „normaler“ Angst und einer Angststörung sind fließend. Eine Angststörung könnte möglicherweise vorliegen, wenn

Je früher man den Teufelskreis von Angst und Vermeidungsverhalten unterbricht, desto eher kann man verhindern, dass eine Angststörung chronisch wird.

Insbesondere wenn die Angstsymptomatik schon länger besteht, ist es sinnvoll, dass Sie professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Ein erster Ansprechpartner kann der Hausarzt, aber auch ein Psychotherapeut oder ein Experte in einer Beratungsstelle sein. Je länger man eine angstmachende Situation meidet, desto mehr Überwindung kostet es, sich seinen Ängsten zu stellen. Machen Sie den ersten Schritt!

Angststörung: Weitere Informationen


Onmeda-Lesetipps:

Phobien
Soziale Phobie
Selbsttest Soziale Phobie
Agoraphobie
Angst vorm Zahnarzt (Dentalphobie)
Flugangst (Aviophobie)
Fragen Sie unseren Experten im Forum Angst & Zwang um Rat.

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

Angst- und Panikhilfe Schweiz
Muristrasse 69
3006 Bern
www.aphs.ch
hotline@aphs.ch

Angst-Hilfe e.V.
Bayerstraße 77a Rgb.
80335 München
+49-(0)-89-51 55 53 0
+49-(0)-89-51 55 53 16
www.angstselbsthilfe.de
info@angstselbsthilfe.de

Buchtipps:

Quellen:

Angststörungen. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 13.6.2017)

Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Duale Reihe, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. AMWF-Leitlinien-Register Nr. 051/028 (Stand: 15.04.2014)

Payk, T.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

Aktualisiert am: 18. September 2017

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