Sulfonylharnstoffe und Abkömmlinge

Wirkstoffgruppe || Quellen (Stand: 06. September 2007)

auch bezeichnet als:
Sulfonylharnstoffe; Sulfonylharnstoffe und Derivate

Folgende Wirkstoffe sind der Wirkstoffgruppe "Sulfonylharnstoffe und Abkömmlinge" zugeordnet

Anwendungsgebiete dieser Wirkstoffgruppe

Sulfonylharnstoffe gehören zu den Medikamenten gegen Zuckerkrankheit, die durch den Mund eingenommen werden können (orale Antidiabetika).

Zucker ist einer der wichtigen Energielieferanten für den Körper. Er stammt aus der Nahrung, wird aber auch von der Leber selbst produziert. Das Blut transportiert den Zucker und verteilt ihn im ganzen Körper. Allerdings steht der Zucker als Energiequelle erst durch das Zusammenspiel mit dem Bauchspeicheldrüsen-Hormon Insulin zur Verfügung. Insulin beeinflusst dabei vor allem den Zuckerstoffwechsel von Fettgewebe, Muskulatur und Leber, indem es sich an spezielle Rezeptoren der entsprechenden Zellen bindet. Diese Bindung veranlasst Fett- und Muskelzellen, Zucker aus der Blutbahn aufzunehmen und ihn zum Fettaufbau zu verwenden beziehungsweise als Energiequelle für die Bewegung zu nutzen. In der Leber, aber auch in den Muskeln fördert Insulin durch den Rezeptor-Kontakt den Aufbau des Speicherzuckers Glycogen. Benötigt der Körper die darin gespeicherte Energie, kann das Glycogen kurzfristig wieder zu Zucker abgebaut werden, der den Zellen dann zur Verfügung steht.

Bei gesunden Menschen produziert die Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin in ausreichender Menge. Hergestellt und gespeichert wird es in den Betazellen der so genannten Langerhans'schen Inseln (daher der Name Insulin). Steigende Blutzuckerspiegel verursachen die Freisetzung der gespeicherten Insulinmoleküle ins Blut. Mit diesem gelangt das Insulin dann an den Ort seiner Wirkung.

Bei Zuckerkranken (Diabetikern) ist dieses Zusammenspiel durcheinander geraten:
  • Beim Diabetes mellitus Typ 1 funktioniert die Insulinproduktion in den Langerhans‘schen Inselzellen der Bauchspeicheldrüse nicht mehr. Sie wurden allmählich durch einen Angriff des körpereigenen Immunsystems zerstört. So steht nicht mehr genügend Insulin für die Zuckeraufnahme aus dem Blut zur Verfügung.
  • Bei Diabetes mellitus Typ 2 haben sich die Langerhans‘schen Inseln durch eine jahrelange Fehlernährung erschöpft. Bei Übergewichtigen funktioniert allerdings auch das Insulin-Signal an die Körperzellen nicht mehr. Entweder fehlt ein Großteil der entsprechenden Rezeptoren an den Zellen oder sie reagieren auf das Insulin weniger empfindlich. Dann spricht der Arzt von einer Insulinresistenz. Auch wenn die Bauchspeicheldrüse noch etwas Insulin produziert, wird dennoch in einem solchen Fall nicht mehr genügend Zucker in die Zellen aufgenommen.
Der Blutzuckerspiegel bleibt bei Zuckerkranken nach der Nahrungsaufnahme dauerhaft erhöht. Das aber führt zu Schäden an den Blutgefäßen und zu Durchblutungsstörungen. Diese können Erblindung, Amputationen, Herzinfarkt und Schlaganfall zur Folge haben.

Zur Blutzuckersenkung bei Typ-1-Diabetikern sind die Sulfonylharnstoffe und ihre Abkömmlinge nicht geeignet. Bei Diabetes mellitus vom Typ 1 kann die Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin nicht mehr produzieren. Deshalb müssen Typ-1-Diabetiker Insulin von außen als Medikament mittels Spritzen, Pens oder Pumpen zuführen.

Sulfonylharnstoffe und die mit ihnen chemisch verwandten Substanzen werden eingesetzt zur Behandlung normalgewichtiger Patienten mit Diabetes mellitus vom Typ 2, die keine Insulinresistenz aufweisen. Die Wirkstoffe helfen, den erhöhten Blutzuckerspiegel wieder zu normalisieren, wenn weder Ernährungs- noch Bewegungstherapie langfristig zu einem Erfolg geführt haben.

Die wichtigsten Wirkstoffe der Sulfonylharnstoffe und Abkömmlinge heißen Glibenclamid, Glibornurid, Glimepirid, Gliclazid, Gliquidone sowie Tolbutamid, Nateglinid und Repaglinid.

So wirken Sulfonylharnstoffe und Abkömmlinge

Die Wirkung der Sulfonylharnstoffe wie auch Repaglinid ist von einer gewissen restlichen Insulinbildung in der Bauchspeicheldrüse abhängig. Sulfonylharnstoffe erregen die Betazellen der Langerhans´schen-Inseln in der Bauchspeicheldrüse und fördern dadurch die Freisetzung von Insulin. Die Wirkstoffe verschließen die Kaliumkanäle der Betazellen, wodurch sich die Calciumkanäle öffnen und Calcium in die Betazellen hineinfließt. Das Calcium wiederum löst die Insulinabgabe ins Blut aus. Übrigens wird bei gesunden Menschen genau über diesen Mechanismus die Insulinausschüttung hervorgerufen. Allerdings öffnet bei Gesunden der Blutzucker selbst die Calciumkanäle.

Der Erfolg einer Behandlung mit Sulfonylharnstoffen lässt sich am Absinken des HbA1c-Wertes ablesen. Dieser für die so genannte Langzeitkontrolle des Blutzuckerspiegels wichtige Wert bezeichnet die Menge des an roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) gebundenen Zuckers. Sulfonylharnstoffe vermögen diesen Wert um zwölf Prozent zu senken.

Der am besten untersuchte Wirkstoff dieser Wirkstoffgruppe ist Glibenclamid. Glibenclamid, aber auch Glibornurid lässt die Konzentration an Insulin im Blut mit einer zeitlichen Verzögerung stark ansteigen. Daher kommt es häufiger als bei den anderen Wirkstoffen dieser Gruppe aufgrund des Insulinüberschusses zu Unterzuckerungen. Merkmale eines solchen Blutzuckermangels sind Nervosität, Schwitzen, Zittern und letztlich Bewusstseinsverlust.

Mit dem Wirkstoff Glimepirid kommt es durch eine schnelle und kurze Insulinfreisetzung seltener zu Unterzuckerungen. Außerdem führt Glimepirid seltener als andere Sulfonylharnstoffe zu Gewichtszunahme.

Gliclazid, ein weiterer Wirkstoff, führt zu einer Insulinausschüttung, die der natürlichen Insulinausschüttung sehr ähnlich ist. Es kommt also kaum zu zeitweiligem Insulinüberschuss mit Unterzuckerungen. Außerdem bremst Gliclazid eine zu starke Aneinanderlagerung der Blutplättchen (Thrombozytenaggregation) und wirkt somit kleinsten Thrombosen (Blutgerinnseln) entgegen. Ein Fortschreiten der diabetischen Gefäßveränderungen am Auge mit der Folge der allmählichen Erblindung wird durch Gliclazid verzögert.

Auch bezüglich des Wirkungseintritts und der Wirkungsdauer gibt es Unterschiede:
Glibenclamid, Glimepirid und Gliquidon brauchen etwa zwei bis drei Stunden, um ihre volle Wirkungsstärke zu erreichen. Die Wirkstoffe Tolbutamid, Glibornurid und Gliclazid brauchen mit drei bis sechs Stunden deutlich länger, um ihre maximale Wirkung zu erreichen.

Repaglinid und Nateglinid gehören, chemisch betrachtet, nicht zu den Sulfonylharnstoffen, doch ist ihr Wirkmechanismus weitgehend gleich. Ihre Vorteile liegen im schnellen Wirkungseintritt (nach etwa 30 Minuten) und in der raschen Ausscheidung. So können sie kurz vor dem Essen eingenommen werden und senken den Blutzuckerspiegel direkt nach der Mahlzeit, lassen aber den Nüchternblutzucker praktisch unverändert. Dadurch ist auch die Gefahr von Unterzuckerungen (besonders während der Nacht) geringer als mit Sulfonylharnstoffen. Nateglinid wirkt dazu 300 Mal gezielter auf die Betazellen der Bauchspeicheldrüse als auf die Herzzellen. Daher ist es für Herzpatienten besser verträglich als alle anderen Vertreter der Sulfonylharnstoffe.

Besonders die älteren Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid und Tolbutamid scheinen sich nachteilig auf die Herzfunktion auszuwirken. In aktuellen Studien wird über eine erhöhte Sterblichkeit von Patienten berichtet, die mit diesen Wirkstoffen behandelt wurden. Möglicherweise liegt die Verschlechterung der Herzfunktion daran, dass die Wirkstoffe auch im Herzen die Kaliumkanäle blockieren und damit eine Durchblutungsstörung des Herzmuskels fördern. Neuere Sulfonylharnstoffe wie Gliclazid und Glimepirid weisen diesen Nachteil nicht auf.




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